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Angst ist eine grundlegende Emotion, die im Zusammenspiel mit Neugierde unsere Art erhalten hat. Angst schützt. Angst löst ganz natürlich Handlungsmuster in uns aus. Dazu zählen beispielsweise Flucht oder Abwehr. Die zentralen Folgen, die wir befürchten, sind in letzter Konsequenz Verletzung, Schmerz oder Tod.

So ist etwa die Angst vor dem Alleinsein von Anfang an in uns verwurzelt, lange bevor wir zum Homo Sapiens wurden. Wer alleine war, hatte noch vor wenigen tausend Jahren deutlich geringere Überlebenschancen.

Zwei grundsätzliche Arten von Angst

Das Befürchten von Folgen zeigt sich grundlegend auf zwei verschiedene Arten. Da ist zum ersten die spezifische Angst. Sie kann genetisch veranlagt oder das Resultat von Erziehung oder Nachahmung sein. Und wenn Angst zu etwas wie Vorsicht führt, ist das häufig gut. So will man Kinder ja nicht zur Angst vor Autos erziehen, aber zur Vorsicht im Straßenverkehr.

Die zweite grundlegende Art der Angst ist die vor dem Diffusen, dem Unbekannten. Wichtig sind bei dieser Unterscheidung die Auslöser, nicht die Folgen. Dunkelheit ist konkret, was wir darin fürchten allerdings in der Regel diffus oder auch unbewusst. Entscheiden hierbei ist, dass wir etwas befürchten, was sich unserer Kontrolle entzieht – entweder weil wir es nicht kennen, nicht einschätzen können oder nicht wissen, was und wie wir etwas dagegen tun können. In so einer Phase befinden wir uns zum Beispiel seit dem globalen Ausbruch von Corona. Historisch vergleichbar sind vielleicht noch die Pest und die Spanische Grippe.

Symptome der Angst

Akute physischen Symptome sind allgemein bekannt: Herzklopfen, Blutdrucks, schnelle Atmung, Schwitzen, Zittern, Schwäche, Übelkeit und vieles mehr bis hin zu Wahrnehmungsstörungen oder Ohnmacht. Verursacher dieser Reaktionen ist das vegetative Nervensystem. Daraus resultieren ererbte und erlernte Verhaltensmuster. Flucht oder Erstarren sind beispielsweise ererbte, unbewusst einsetzende Reflexe. Reflektion dagegen ist Verhalten aus einem Lernprozess heraus, etwa beobachten-analysieren-Verhalten anpassen.

Bei den psychischen Symptomen sieht die Lage deutlich komplexer und komplizierter aus. Hier ist die Abgrenzung zu krankhaften Angststörungen zu wenig möglich. Das schließt krankhafte Auswüchse von Angst wie etwa Depressionen, Panikattacken, Psychosen, Neurosen, Phobien und vieles mehr ein, für die es überdies auch rein biologische Ursachen geben kann.

Angst ist ansteckend

Gefühle – gute wie schlechte – können tatsächlich ansteckend sein. Verantwortlich dafür sind bestimmte Nervenzellen im Gehirn: Spiegelnervenzellen. Für die Ansteckung ist allerdings keine physische oder Nähe nötig. Das kann etwa in einem Raum mit anderen Menschen ebenso passieren wie zum Beispiel auf Social Media Plattformen. Man erfasst eine Stimmungslage und interagiert mit ihr. Nicht selten, indem man sie übernimmt. So kann auch Angst als Gefühl ansteckend sein.

Das bedauerliche dabei: Menschen haben Angst anderer auch immer schon strategisch für eigene Zwecke eingesetzt. Das Ausmaß des Möglichen wird dabei besonders von Internet und Social Media noch erweitert. Unabhängig von Zeit und Ort kann heute jeder online sehr viele Menschen gleichzeitig erreichen. Und das in einem Maße, dass man durch das Verbreiten gerade auch von Ängsten umgekehrt sehr viel mehr persönliche Aufmerksamkeit erfährt als früher.

In diesem Kontext spielt die Angst vor dem Diffusen, dem Fremden, dem Unbekannten insofern eine fatale Rolle, als dass man mit der Ursache für die eigene Angst selbst gar nicht erst in Berührung kommen muss. Die persönliche Erfahrung oder auch das Wissen um Fakten werden immer unbedeutender, wenn man nur intensiv und lange genug mit Informationen über die angeblichen Gefahren und Folgen konfrontiert wird. Aktuelles Beispiel: Die Angst vor oder der Hass gegenüber Menschen aus anderen Ländern und Kulturen ist nicht zwangsläufig dort am größten, wo die meisten von ihnen leben.

Menschen haben zwar in unterschiedlichem Maße Angstbereitschaft. Aber man kann festhalten: Je mehr etwas beim Einzelnen Kontrollverlust suggeriert, desto mehr steigert sich die Angst.

Angst und Aggression

Das Ziel vieler Menschen, die bei anderen ganz bewusst Angst erzeugen wollen, besteht oft darin, dass daraus eine bestimmte Dynamik entstehen soll. Menschen sollen zu Einstellungen und Handlungen verleitet werden, wie etwa Aggressionen gegen bestimmte Gruppen entwickeln.

Nicht missverstehen: Das bedeutet keineswegs, dass in diesem Kontext aggressive Menschen nur aus Angst handeln. Gerade in Gesellschaften wie unserer ist nicht selten das Gegenteil der Fall. Angst kann nämlich auch eine gute Ausrede für Aggressionen sein. Und Angst braucht keine Fakten. Es reicht das subjektive Gefühl. Sie lässt sich nicht messen wie etwa die Körpertemperatur.

Da stellt sich die Frage: Vor wem oder was haben wir angeblich Angst? Die Angst vor beispielsweise anders aussehenden Menschen, ist zwar genetisch verankert, aber gerade in Zeiten einer globalen, allen zugänglichen Informationsflut schon lange nicht mehr glaubwürdig. Sie ist überflüssig geworden, weil sich die Lebensumstände und das Wissen darum geändert haben.

Die aktuelle Angst vor dem Corona-Virus stellt sich anders dar. Wir wissen zwar, was ein Virus ist, doch gegen diesen gibt es noch kein Heilmittel, es gibt noch keine Impfung und Experten, insbesondere Virologen, fangen gerade erst an zu ergründen, wie sich das Virus hinsichtlich seiner Ausbreitung, Ansteckung und Wirkung verhält. Die Angst davor ist also sehr glaubwürdig.

Wovor haben wir Deutschen konkret Angst?

Zu den bekanntesten, ältesten repräsentativen Untersuchungen zählt die seit 1992 laufende, einmal jährlich erstellte Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen“ innerhalb der Bereiche Politik, Wirtschaft, Umwelt und Gesundheit. Angesichts der Corona Pandemie gab es in der ersten Aprilwoche 2020 eine Sonderumfrage mit interessanten Ergebnissen im Vergleich zur regulären Befragung im Vorjahr.

Ein sprunghafter Anstieg der Angst der Befragten vor einer schlechten Wirtschaftslage mag wenig überraschen. Es ist der höchste Wert seit der weltweiten Finanzmarktkrise 2008/2009. Allerdings zeigten sich Frauen hierbei deutlich skeptischer als Männer.

Umso bemerkenswerter ist der seit 2019 unveränderte Stand der Angst vor der eigenen Arbeitslosigkeit. Denn eine schlechte Wirtschaftslage hat immer Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.

Überraschend erscheint, dass die jeweils größte Angst in beiden Bereichen (Wirtschaftslage und persönliche Arbeitslosigkeit) im Jahr 2005 gemessen wurde. Beide verzeichnen dort ihren jeweiligen Spitzenwert über die gesamten fast 30 Jahre bis heute.

Angesichts der Frage nach der Angst vor einer schweren Erkrankung zeigt sich im April 2020 eine vielleicht noch größere Überraschung. Seit 1992 war der Wert für die Angst vor einer schweren Erkrankung noch nie so niedrig wie jetzt – mit Ausnahme von 2019. Und auch die Steigungsrate steht in keinem Verhältnis zu der deutlich steileren Rate bei der Angst vor einer schlechten Wirtschaftslage.

Dass sich Frauen hier deutlich besorgter zeigen als Männer, hat Tradition. Auffällig ist allerdings, dass diese Angst jetzt in allen Altersgruppen etwa gleich hoch ist. In allen Vorjahren gaben sich die Befragten bis zum Alter von 30 Jahren viel sorgloser.

Tipps für das Verarbeiten von Ängsten

In einem Interview betont Angstforscher Prof. Dr. Jürgen Hoyer, dass es falsch wäre, nach „Tricks gegen Angst“ zu suchen. Man solle sich lieber ehrlich zu seinen Ängsten bekennen und sich den Realitäten stellen. Leider verbindet man Angst aber immer noch zu häufig mit Schwäche.

Ein Trick bedeutet in der Regel eine List, um etwas zu erreichen. Im Gegensatz dazu gibt es durchaus einfache und wirksame Methoden, um akut gegen Angst vorzugehen. Borwin Bandelow, Professor für Neurologie und Psychiatrie empfiehlt Aktionen, bei denen Endorphine ausgeschüttet werden. „Der Gegenspieler des Angstsystems ist das Belohnungssystem. Das ist für alles Schöne und Gute zuständig.“ Man solle sich alleine oder mit dem Partner „schöne Momente“ schaffen. Das sei aber für jeden Menschen in vielen Fällen sehr unterschiedlich. Darüber hinaus rät er unter anderem auch „das Vernunftgehirn wiederholt zu mobilisieren und anzustacheln“.

Ein weniger akuter aber dafür nachhaltiger Weg gegen die Angst ist Bildung. Ängste zu reflektieren, sich mit ihnen lösungsorientiert auseinanderzusetzen, kann durch Bildung sehr erleichtert werden. Dazu gehört auch, die angesprochene Wechselwirkung zwischen Angst und Aggression zu verstehen oder sich mit Dynamiken von Kommunikation zu beschäftigen.

Bildung bedeutet dabei die Suche nach Antworten mit wissenschaftlichen Methoden. Das klingt viel komplizierter als es ist. Recherche und Gegenrecherche bei Medienberichten oder Social Media Postings oder generell analysieren und daraus lernen sind zwei ganz einfache Herangehensweisen in diesem Sinne. Daraus ergeben sich wiederum Fähigkeiten um etwa Seriosität und Qualität von Informationen und deren Quellen festzustellen.

Mehr Wissen kann zu mehr Sicherheit führen. Das ist aufwendig, das kostet Zeit. Aber es lohnt sich in der Regel. Und es ist konstruktiver als beispielsweise zu versuchen, Angst mit aggressivem Verhalten gegenüber anderen zu kompensieren.

Besonders, wenn nachweislich kein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Grund für eine Angst und den Betroffenen besteht und n der Aggression folglich auch kein Lösungsansatz zur Bewältigung der eigenen Angst steckt.

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